Messe de Nostre Dame von Guillaume de Machaut trifft auf Ursonate von Kurt Schwitters

Programm

Messe de Nostre Dame von Guillaume de Machaut (1300 – 1377)
Ursonate von Kurt Schwitters (1887 – 1948)

Messe Ursonate
Kyrie eleison einleitung / erster teil
Gloria zweiter teil / largo
Credo dritter teil / scherzo / trio / scherzo
Sanctus vierter teil
Agnus Dei kadenz / schluss
Ite missa est

Mitwirkende

Michael Gerzabek Tenorino
Michael Nowak Tenor
Günter Mattitsch Tenor
Klaus Neubauer Bass

Christoph Hofer Akkordeon
Dietmar Pickl Rezitation

GUILLAUME DE MACHAUT: Messe de Nostre Dame

Die vierstimmige Messe ist die erste zyklische Vertonung des Ordinariumstextes d.h. der Messteile, die nicht variiert werden. Die Messe leitet ihren Beinamen Nostre dame von der Kathedrale zu Reims ab, die der Jungfrau Maria geweiht ist. Das Werk wurde anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten Karls V. 1364 in Reims geschrieben. Ob es tatsächlich aufgeführt worden ist, ist nicht gesichert.

Guillaume de Machaut gilt als Hauptvertreter der so genannten ars nova, einer Kunst, die sich vor allem der weltlichen Musik zuwandte. In der Messe verwendet Machaut im Kyrie, Sanctus, Agnus Dei und Ite missa est die Gattung der Motette, bei denen die Stimmen gleichberechtigt sind und der Tenor eine Choralmelodie einnimmt. Gloria und Credo sind im Kantilenensatz geschrieben, der keine Choralmelodie besitzt, sondern bei der eine frei erfundene Oberstimme von drei unselbstständigen Unterstimmen begleitet werden. Die Messe ist ein Beispiel einer isorhythmischen Komposition bei der die rhythmische Struktur des Tenor von den anderen Stimmen übernommen wurde (iso=gleich).

Die Bearbeitung der Messe durch die Hinzunahme eines Akkordeons – ohne das Original zu verändern – ist eine reizvolle Variation der ältesten europäischen Messe.

SCHWITTERS: Ursonate

Die Sonate in Urlauten, wie das Werk von Schwitters auch genannt wurde, gilt als Schlüsselwerk der Lautpoesie. Zehn Jahre hat Kurt Schwitters an ihr gearbeitet. Ausgangsmaterial war das Thema eines Gedichts von Raoul Hausmann, das ursprünglich für die Druckprobe von Typen gedacht war:

FMSBWTCU

PGGF

Daraus entstand das Hauptthema des ersten Satzes: fümms bö wö tää zää Uu,

pögiff

kwii Ee

Das Gedicht hat die Form einer Sonate in vier Sätzen plus Kadenz und Schluss, wobei der erste Satz als Sonatenhauptsatz strukturiert ist.

Schwitters befreit die Wörter, Silben und Buchstaben von allen Sinnzusammenhängen, macht den Weg gleichsam frei für das Wahrnehmen des Klanges, der Musik der Buchstaben. Schwitters nennt diese Poesie Konsequente Dichtung. Der Widerspruch zwischen notierter Ursonate und dem Anspruch an die Klangdichtung wird im folgenden deutlich: „Nur in einem Fall ist die Klangdichtung konsequent, wenn sie gleichzeitig beim künsterlischen Vortrag entsteht und nicht geschrieben wird. Zwischen Dichtung und Vortrag ist streng zu unterscheiden …. Die konsequente Dichtung ist aus Buchstaben gebaut. Buchstaben haben keinen Begriff. Buchstaben haben an sich keinen Klang, sie geben nur die Möglichkeit zum Klanglichen gewertet (sic!) werden durch den Vortragenden.“ (Schwitters, Konsequente Dichtung 1924).

Die Ursonate ist aus dem Blick von DADA Antipoesie, wird jedoch als MERZprodukt zum Gesamtkunstwerk (Wort, Klang, Musik, Inszenierung), wie der MERZbau nie vollendet, abgeschlossen zwar im Text, doch stets neu geschaffen im Moment der Vortrags.

Dietmar Pickl