Geistliche Musik der Gegenwart mit Werken von Rudolf Hinterdorfer, Gerhard Lampersberg, Günter Mattitsch, Dietmar Pickl und Wilfried Satke.

Programm

Günter Mattitsch

(*1947)

Lacrimosa

für 5 Stimmen und Rohrglocken

Gerhard Lampersberg

(1928 – 2002)

Requiem für meinen Vater

für 5 Stimmen

Gerhard Lampersberg

Solo e Pensoso

Francesco Petrarca

für 5 Stimmen

Günter Mattitsch

„… und haben nicht einmal das Leben verdient“

Aziz Nesin

für 5 Stimmen und Schlagwerk

Rudolf Hinterdorfer

(*1947)

Dunkles zu sagen

Ingeborg Bachmann

für 4 Stimmen

Rudolf Hinterdorfer

Nach dieser Sintflut

Ingeborg Bachmann

für 4 Stimmen (UA)

Dietmar Pickl

(*1941)

Sure 5

für 5 Stimmen (UA)

Dietmar Pickl

eros / thanatos

für 5 Stimmen

Wilfried Satke

(*1955)

Die Meilen nach Babylon

Erich Fried

für 4 Stimmen und Gitarre (UA)

Mitwirkende

Christa Mäurer Sopran
Waltraud Russegger Mezzosopran
Michael Gerzabek Tenorino
Michael Nowak Tenor
Günter Mattitsch Bariton
Dietmar Pickl Bass

Eva Mock Gitarre

Lacrimosa (Günter Mattitsch)
Lacrimosa dies illa.
Qua resurget ex favilla
judicandus homo reus.
Huic ergo parce pie Jesu.
Domine Deus dona eis requiem.
Amen.
Tag der Tränen,
da von der Asche wird erstehen
zum Gericht der Mensch voll Sünden.
Verschone ihn, milder Jesus.
Herr und Gott gib ihnen den Frieden.
Amen.

Requiem für meinen Vater (Gerhard Lampersberg)
nun ist es geschehen
du seltsamer verhüllter offener
bist gegangen
die zeit das alter das graue übel
hat dich nur zart berührt
denn du warst stark
wie das rinnen der wasser vom gebirge
hell im gütigen licht der sonne
du bist gegangen
dort wo du bist
ist nicht das dunkel
das gefürchtete
es ist die stille
das pochen der vernunft
doch wenig wissen wir
von der begegnung
die unser hoffen ist
am tor des endes

Solo e pensoso (Gerhard Lampersberg nach Francesco Petrarca)
Solo e pensoso
i più deserti campi vo misurando
a passi tardi e lenti.
E gli occhi porto per sfuggir intenti
ove vestigio human làrena stampi.

Allein und gedankenvoll
durchmesse ich die menschenleeren Felder
mit langsamen und schleppenden Schritten.
Und die Augen wachen aufmerksam
um jeder menschliche Spur im Sand
zu entfliehen.

… und haben nicht einmal das Leben verdient (Günter Mattitsch nach Aziz Nesin)
Und es ist der Gedanke an den Tod
der mich dazu antreibt weiter zu arbeiten
um eine bessere Welt zu schaffen
das Wichtigste ist nämlich zu sterben
nachdem man alles gegeben hat
was man geben kann
diejenigen die sterben
ohne ihr Möglichstes getan zu haben
haben nicht einmal das Leben verdient.

Dunkles zu sagen (Rudolf Hinterdorfer nach Ingeborg Bachmann)
Wie Orpheus spiel ich
auf den Saiten des Lebens den Tod
und in die Schönheit der Erde
und deiner Augen, die den Himmel verwalten
weiß ich nur Dunkles zu sagen.

Vergiss nicht, dass auch du, plötzlich,
an jenem Morgen, als dein Lager
noch nass war von Tau und die Nelke
an deinem Herzen schlief,
den dunklen Fluss sahst,
der an dir vorbeizog.

Die Saite des Schweigens
gespannt auf die Welle von Blut,
griff ich dein tönendes Herz.
Verwandelt ward deine Locke
ins Schattenhaar der Nacht,
der Finsternis schwarze Flocken
beschneiten dein Antlitz.

Und ich gehör dir nicht zu.
Beide klagen wir nun.

Aber wie Orpheus weiß ich
auf der Seite des Todes das Leben,
und mir blaut
dein für immer geschlossenes Aug.

Nach dieser Sintflut (Rudolf Hinterdorfer nach Ingeborg Bachmann)
Nach dieser Sintflut
möchte ich die Taube,
und nichts als die Taube,
noch einmal gerettet sehn.

Ich ginge ja unter in diesem Meer!
Flög‘ sie nicht aus,
brächte sie nicht
in letzter Stunde das Blatt.

Die Maßnahmen (Günter Mattitsch nach Erich Fried)

Die Faulen werden geschlachtet
die Welt wird fleißig
Die Häßlichen werden geschlachtet
die Welt wird schön
Die Narren werden geschlachtet
die Welt wird weise
Die Kranken werden geschlachtet
die Welt wird gesund

Die Traurigen werden geschlachtet
die Welt wird lustig
Die Alten werden geschlachtet
die Welt wird jung
Die Feinde werden geschlachtet
die Welt wird freundlich

Die Bösen werden geschlachtet
die Welt wird gut

Sure 5 (Dietmar Pickl nach Koran Sure 5)
Wenn jemand einen Menschen tötet,
so soll es sein,
als hätte er die ganze Menschheit getötet.
Und wenn jemand einem das Leben erhält,
so soll es sein,
als hätte er der ganzen Menschheit
das Leben erhalten.

eros/thanatos (Dietmar Pickl nach Hohelied Salomonis)

Du hast mir das Herz genommen
meiner Schwester, liebe Braut,
du hast mir das Herz genommen.
Wie schön ist deine Liebe,
meine Schwester, liebe Braut.

Du bist ein verschlossner Garten, Deine Liebe ist lieblicher
eine verschlossne Quelle, als Wein,
ein versiegelter Born. lieblicher als Wein.
Du bist gewachsen wie ein Lustgarten
von Granatäpfeln mit edlen Früchten.

Von deinen Lippen träufelt
Honigseim, Honig und Milch
sind unter deiner Zunge.

Zyperblumen mit Narden, Und der Duft deiner Kleider
Kalmus und Zimt. ist wie der Duft des Libanon.

Wie schön ist deine Liebe,
meine Schwester, liebe Braut.

Mein Freund ist schön
und auserkoren unter vielen Tausenden.
Sein Haupt ist das feinste Gold.
Sein Leib ist wie reines Elfenbein
mit Saphiren geschmückt.

Seine Locken sind kraus,
schwarz wie ein Rabe.
Seine Beine sind Marmorsäulen,
gegründet auf goldenen Füßen.
Seine Gestalt ist wie der Libanon.

So ist mein Freund.
Ja, mein Freund ist so.

Siehe, meine Freundin, du bist schön!
Schön bist du.
Deine Augen sind wie Taubenaugen
hinter deinem Schleier.
Deine Lippen sind wie eine
scharlachrote Schnur
und dein Mund ist lieblich.
Dein Hals ist wie der Turm Davids,
deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge,
die unter den Lilien weiden.

Mein Freund ist mein
und ich bin sein.
Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen
so ist mein Freund
unter den Jünglingen.
Er führt mich in den Weinkeller
und die Liebe ist sein Zeichen
über mir.
Er erquickt mich mit Traubenkuchen
und er labt mich mit Äpfeln.
Denn ich bin krank vor Liebe.

Lass uns aufs Feld hinausgehn
und unter Zypernblumen die Nacht verbringen
dass wir früh aufbrechen und sehen,
ob der Weinstock sprosst und seine
Blüten aufgehn, ob die Granatäpfel blühn.
Dort will ich dir meine Liebe schenken.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems,
dass ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört,
bis es ihr selbst gefällt.
Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz,
wie ein Siegel auf deinen Arm.

Denn Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich
wie das Totenreich.

Die Meilen nach Babylon (Wilfried Satke nach Erich Fried)

How many miles to Babylon?

Three score miles and ten.

Can I get there by candle-light?

Yes, and back again.

If your heels are nimble and light,

You may get there by candle-light.

(Englischer Kinderreim)
1
Wieder Norden
wieder der Weg nach Norden
Meine Liebe zur Sonne
war vielleicht eine Lüge
denn der Nordfahrer
wählt den kälteren Himmel
die kahlen Weiten
das Grau hinter dem Grau
Aber ich fahre hinauf
ein Mensch aus dem Süden
ich bringe sein Blau
und das Rot meines warmen Blutes
den rötlichen Lichtern und Schatten
der leeren Heide

2
Wie fern du mir bist
wie du langsam zerflatterst
weit in das brüchige Meer
weit in den grauen Himmel
Aus der Ferne
schien die Ferne gering
Du bist fern
denn ich bin nähergekommen

3
Als wärest du
deine einzige nahe Feindin

du sagst ein nördliches Wort
und wieder fällt Nebel

und kein Schein
tröstet mit Fata Morganen:

Eine Sonne vergeht
glanzlos im Grau ihrer Heimat

4
Ich will zu dir sprechen
wie die Wüste zur Heide
Sand
zu Sand
roter Sand
zu rötlichem Heidekraut
gelber Sand
zu bräunlichem Wasser und Torf
Ich will dir sagen
dass das Wasser nicht viel zu tief ist
die beiden Königreiche
klaffen nur kerzenlichtweit

5
Wieviel Meilen nach Babylon?
Siebzig. Wenn’s hoch kommt noch zehn.
Komm ich dorthin bei Kerzenlicht?
Ja, auch zurück kannst du gehn.
Wenn deine Fersen flink sind und leicht,
kommst du bei Kerzenlicht hin vielleicht.

6
Zum Urturm
in Chaldäa
der tief im Sand liegt
zur höchsten Erhebung
des Menschen in seiner Landschaft
will ich zurück
und will die Verwirrung der Sprachen
aufhalten mit Händen
die keine Steine mehr heben
dass Nord und Süd sich verstehen
und Ost und West

Dass dein Weitsein
nahe wird
Dass dich ein einziges Wort
herholt!
Dass mich ein Wort
hinträgt für dich.
Dass der Türmer
nicht mehr die Augen sich blindstarrt
an leeren Fernen
sondern die beiden Hörner
das Widderhorn und das Urhorn
hebt zugleich an den sprachlosen Mund
und hineinstößt

Dass die Götter des Ostens
die Götter der westlichen Inseln erkennen
Dass braunes Auge
sich spiegelt in blaugrauem Auge
Dass die Tore sich öffnen
dass die Kerze zu scheinen beginnt!

7
Wenn ich dich liebhabe
muss ich dein Süden bleiben
dein Wind aus der Wüste
und deine Stimme im Sturme

Wenn ich dich liebhabe
muss ich dein Dornfeuer bleiben
das brennt und verbrennt nicht
das entzündet die Kerze nach Babel

und darf nicht um dein nördliches Wort
deine höchste Freude vergessen
sonst vergisst meine Rechte mich
sonst klebt meine Zunge am Gaumen

sonst trage ich Steine
auf irgendein fernes Grab
auf der Heide
im Grauen des Abends

sonst baue ich höher
den Turm der Verwirrung
das Fremdsein
in fremden Ländern

8
Denn Babel ist
in unserer eigenen Sprache:
das Wort
das verwirrt
dessen andere Deutung mir lieb wird
weil du sie hochhältst

Aber sie darf mich nicht halten
solang du nur hast
was du hasst
solang deine einzige Hoffnung
das Anderssein
des Anderen ist
seine Antwort
auf dein nördliches Wort
das dich hält
doch dich
nicht erhält.

Drum sag ich nicht Ja
zum Nein
sondern Ja
zum Ja
das ich nicht höre mit Ohren
das nur meiner Kerze Flackern
mir zeigt als Lufthauch
von dir zu mir
denn die Flamme
deutet auf mich mit der dunklen
auf dich mit der leuchtenden Spitze:

Nach Babel
wieviel Meilen?
Babel in mir.
Kann ich bei Kerzenlicht eilen?
Ja
und zurück zu dir!

9
Ur
ist nicht nur in Chaldäa

Der Urturm steht in der Heide
der Heidenturm steht in der Wüste

In der Sonne brennen die Steine
sein Schatten wandert

Morgens zeigt er nach Westen
mittags zeigt er nach Norden

Wieviel Meilen?
Er zeigt nur den Weg in die Nacht

von der Wüste zur Heide
durch vermessene Königreiche

durch verworrene Sprachen
durch dunkle und blasse Gedanken

10
Du mein nördliches Babel
ich will nicht streiten
um Worte und ihre Verwirrung
denn dich versteht man
nicht wenn man einen Sinn
höher hebt als die Sinne
wie einen Knochen
gelöst aus dem lebenden Leib

Sondern ich will dich bestehn
mit der Stimme aus meinem Stamme
der sich selber nicht flucht
auch nicht wenn er verflucht wird
der auf der Flucht
den Segen sucht und findet
und sich erwählt glaubt
zur Rückkehr in alle Städte
die sich hassten in ihm
und ihn wandern ließen zu weit

Verbannt nach Babel
und wieder aus Babel verbannt
von Fremde zu Fremde
ziehen und kehren die Vögel
sie singen laut
im feurigen Ofen der Sonne
sie lieben nur
solange der Norden sie liebt

Du meine eine Stadt
ich will dir Worte finden
die Tore öffnen:
Springwurz und Sesam der Sinne
dass die Meilen nicht weit sind
die Kerzen nicht zu vergänglich
dass der Weg und der Rückweg
gut wird im freundlichen Licht

Du junges Babel
oben weit im Nordwesten
was weißt du von Worten
wenn dein Wort nur die Stadt und der Turm ist
der sich hochhebt
um sich Namen zu machen
eingebrannt
in die Steine auf deinem Herzen
unfertig wie viele Türme
in vielen Stadten des Nordens:
Der Verwirrung Anfang
der reicht nicht bis an den Himmel

11
Im Anfang die große Hoffnung
dann die Verzweiflung
größer und älter

Eine Zeitlang das Schlagen des Herzens
und dann sein Schweigen
und dann der Steinschlag

Eine Zeitlang die klaren Gedanken
dann Bruch der Worte
ihr Abfall unter dem Stadtwall

Und darunter das Kissen
ohne Worte
und ohne Bilder:

In seine Federn
verbeißt sich
der blinde Mund

12
Unreife Liebe verbissen und wendig wie Waisenkinder
reißt Augen die Tränen aus
Händen die flatternden Federn
Lippen das gute Wort

Sie reißt das Herz aus der Brust
ihr erster Frost scheucht die Vögel
sie ziehen nach Babel
sie kommen wieder zurück

13
Wieviel Meilen nach Babylon?
Siebzig. Wenn’s hoch kommt noch zehn.
Komm ich dorthin bei Kerzenlicht?
Ja, auch zurück kannst du gehn.
Wenn deine Fersen flink sind und leicht
kommst du bei Kerzenlicht hin vielleicht.